MINT-Förderung am Gymnasium: aber was ist das Ziel?
Veröffentlicht am: 26. Juni 2026
Kaum ein Gymnasium kommt heute ohne sie aus: Olympiaden, Roboterwettbewerbe, Hackathons, Podestplätze in den Jahresberichten. Die MINT-Förderung an Schweizer Mittelschulen ist über weite Strecken eine Wettbewerbsförderung geworden. Das ist bemerkenswert, weil die offizielle Begründung eine ganz andere ist: Es geht um den Fachkräftemangel, also um Breite. Wettbewerbe aber sind Instrumente der Spitze.
Zwölf Jahre Förderung, wenig Bewegung
Bund und Kantone fördern MINT seit 2013 systematisch; das Mandat der Akademien der Wissenschaften Schweiz läuft in der Periode 2025–2028 weiter. Die Bilanz fällt nüchtern aus. Das MINT-Nachwuchsbarometer 2026, für das zwischen Juni und Dezember 2025 rund 5100 Jugendliche und junge Erwachsene befragt wurden, kommt auf ein durchschnittliches MINT-Interesse von 5,8 von 10 Punkten. Zwölf Jahre nach der ersten Ausgabe hat sich strukturell wenig verschoben, Stereotype halten sich hartnäckig, und junge Frauen schätzen ihre Kompetenzen in Mathematik, Informatik und Technik systematisch tiefer ein als junge Männer. Informatik ist bei Schülerinnen in beiden Sekundarstufen das unbeliebteste Fach.
Eine Studie der Akademien vom Mai 2025, erstellt im Auftrag des Parlaments, formuliert es deutlicher: Die MINT-Förderung stösst an eine gläserne Decke. Einzelne Programme genügen nicht, es brauche Koordination, Breitenwirkung und Fortschritte bei der Chancengleichheit.
Was Wettbewerbe leisten – und was nicht
An der ersten Runde einer Wissenschafts-Olympiade nehmen jährlich rund 9000 Jugendliche teil. Das ist eine beachtliche Zahl. Nur: Die Olympiade selbst hält fest, dass rund drei Viertel der Teilnehmenden aus den MINT-Olympiaden bereits ein entsprechendes gymnasiales Schwerpunktfach besuchen. Wettbewerbe erreichen also primär jene, die sich ohnehin entschieden haben. Sie verstärken Interesse, sie erzeugen es selten.
Dazu kommt ein Auswahleffekt, den die Organisatorinnen und Organisatoren selbst offen dokumentieren: Je weiter der Wettbewerb fortschreitet, desto weniger junge Frauen bleiben im Rennen. Eine Untersuchung zur deutschen Chemie-Olympiade (Steegh et al., 2021) zeigt, dass implizite Geschlechterstereotype vorhersagen, ob Mädchen in die nächste Runde weitergehen, ihre Leistung hingegen nicht. Von 2008 bis 2016 bestanden die deutschen Chemie-Teams zu 3 Prozent aus Mädchen. Als Ursache gelten weniger die Inhalte als die Struktur: Einzelkonkurrenz, Aufgabentypen, Kommunikationsstil, fehlende Vorbilder. Kooperative Settings sprechen viele Schülerinnen stärker an als das Format der Einzelkämpferin.
Und Wettbewerb hat Nebenwirkungen. Eine 2025 in der Fachzeitschrift der European Economic Association publizierte Studie von Fabian Kosse und Kolleginnen zeigt, dass zwei Jahre dauerhafter Konkurrenzsituation Hilfsbereitschaft und Vertrauen unter Jugendlichen senken: messbar noch vier Jahre später! Für leistungsschwächere Jugendliche ist der direkte Vergleich zudem ungünstig. Wer ohnehin zweifelt, ob MINT etwas für ihn oder sie ist, erhält im Ranking die Antwort, die er oder sie befürchtet hat.
Das eigentliche Spannungsfeld ist ein Zielkonflikt
Damit ist der Konflikt benannt. Er verläuft nicht zwischen Wettbewerben und ihren Gegnern, sondern zwischen zwei Zielen, die selten auseinandergehalten werden: Talente identifizieren und fördern oder eine breite naturwissenschaftlich-technische Grundbildung sichern und die Studien- und Berufswahl beeinflussen. Beides ist legitim. Beides verlangt andere Instrumente. Problematisch wird es, wenn eine Schule Medaillen zählt und damit belegen will, dass sie das zweite Ziel erreicht.